Die richtungsweisende Jahreskonferenz für
Verwaltungsräte

Schweizer Wirtschaft auf Schlingerkurs

Die zweite Covid-19-Welle zieht über unser Land. Wird die Wirtschaft auch diese Welle mit voller Wucht zu spüren bekommen oder dürfen wir mit einer baldigen Beruhigung der Lage rechnen? Wann ist wieder «Courant normal»?
Eine konjunkturelle Auslegeordnung.
 
Entschleunigung bringt System ins Schlingern
Der Soziologe Hartmut Rosa argumentiert, eine moderne Gesellschaft vermöge sich nur dynamisch zu stabilisieren. Um sich zu erhalten ist unsere Gesellschaft auf Wirtschaftswachstum, Innovationsverdichtung und Beschleunigung angewiesen. Ohne Beschleunigung des Lebenstempo werde unser Wirtschaftssystem kollabieren. Schmerzlich haben wir in diesem Jahr ein jähes Ende dieser Beschleunigung erlebt – wenn auch ein Teil der Gesellschaft die oft zitierte Entschleunigung durchaus positiv zu werten weiss. Es stellt sich also nicht nur die Frage, welches die kurzfristigen Auswirkungen der Coronakrise auf die Schweizer Wirtschaft sind, sondern ob die Krise auch strukturelle Veränderungen nach sich zieht.
Alles halb so schlimm?
Mitte 2020 überboten sich die Konjunkturauguren mit negativen Konjunkturszenarien. Nach einem gewissen zeitlichen Abstand sah die Lage in der Schweiz schon deutlich besser aus. So wurde zum Beispiel von den gesprochenen Bürgschaften und Garantien des Bundes nicht mal die Hälfte beansprucht. Zudem ist die Arbeitslosenrate in den Sommermonaten zumindest stabil geblieben, zuletzt gar gesunken. Die angemeldete Kurzarbeitsentschädigung wurde oftmals nicht abgerechnet. Und die kumulierten Konkurse für 2020 lagen unter denjenigen der Vorjahre. Steht die Schweizer Wirtschaft also besser da, als wir das wahrhaben wollen?
Aussenhandel und Binnenwirtschaft im Kriechgang
Tatsache ist, dass die Schweiz in diesem Jahr den stärksten wirtschaftlichen Einbruch seit der Erdölkrise durchlebt. Tatsache ist auch, dass nach einem so starken Einbruch die BIP-Wachstumsraten in der Folge typischerweise ansehnlich hoch ausfallen. Die in verschiedenen Erdteilen immer wieder aufflammenden Coronaherde lassen derweil die Hoffnung schwinden, dass die Schweizer Exportwirtschaft bald zur alten Stärke zurückfindet. Reisebeschränkungen bremsen den internationalen Tourismus. Zudem darf die Bedeutung der Geschäftsreisen für den Wissenstransfer und schlussendlich für das Wachstum eines Landes nicht unterschätzt werden. Der Wachstumsbeitrag des Aussenhandels wird in den nächsten Quartalen relativ schwach ausfallen. Auch die Binnenwirtschaft vermag wenig Impulse zu setzen. Mit der nach maximal 18 Monaten auslaufenden Kurzarbeitsentschädigung werden schwelende strukturelle Mängel zu Tage treten. Entsprechend muss mit einer Zunahme von Unternehmenskonkursen gerechnet werden und die Arbeitslosigkeit, von der bisher vor allem sog. atypisch prekäre Arbeitsverhältnisse betroffen waren, wird steigen. Wir müssen vorerst mit einer «95%-Wirtschaft» Vorlieb nehmen, eine Vollauslastung der Wirtschaft darf nicht vor 2022 erwartet werden.
Strukturanpassungen wahrscheinlich
Je länger die Coronakrise uns beschäftigt, umso spürbarer fallen die strukturellen Veränderungen aus. So hat die Vollbremsung der Mobilität der Klimadebatte neue Impulse verliehen. «Weniger fliegen: Geht doch», diese Erkenntnis fand bei vielen Anklang – ob temporär oder permanent muss sich noch weisen. Zudem haben die Erfahrungen mit Home Office und das Vermeiden von Bargeldzahlungen der Digitalisierung neuen Schwung verliehen. Und die Unterbrechungen von Wertschöpfungsketten hat einige Unternehmen dazu motiviert, ihre Lagerbestände aufzubauen und die Abhängigkeit von einzelnen Lieferanten zu reduzieren. Solch strukturelle Veränderungen verlaufen erfahrungsgemäss nicht friktionslos ab. Auswirkungen werden also auch nach 2022 noch spürbar sein, nicht zuletzt bei den Zinsen.
Kurzfristzinsen fest verankert
Die Zinswende in der Schweiz war vor der Krise bereits in weite Ferne gerückt – und sie ist durch die Krise noch weiter weg. So hat die US-amerikanische Notenbank signalisiert, bis mindestens 2023 nicht über eine Zinsanhebung nachdenken zu wollen. Dadurch liefert sie eine Steilvorlage für andere Notenbanken, an ihrer bisherigen expansiven Geldpolitik festzuhalten. Auch die Schweizerische Nationalbank kann sich dieser Entwicklung nicht entziehen. Gemäss unseren Einschätzungen wird daher der Saron – nach einer zuletzt turbulenten Anpassungsphase – in den nächsten Quartalen, wenn nicht gar Jahren, nahe beim heutigen SNB-Leitzins von -0.75% notieren. Auch die Langfristzinsen haben nur ein beschränktes Anstiegspotenzial. Wie Studien zeigen, drücken Pandemien im Gegensatz zu Kriegen die Realrenditen für mehrere Jahre nach unten. Pandemien ziehen typischerweise höhere Sparraten nach sich, hingegen bleibt das Kapital erhalten (während es bei kriegerischen Auseinandersetzungen zerstört wird).
Zusammenfassend muss festgehalten werden, dass die Schweizer Wirtschaft noch weit vom «Courant normal» entfernt ist. Der konjunkturelle Schlingerkurs wird auch in den nächsten Quartalen anhalten. Die Unsicherheit über den Ausgang des Rahmenabkommens mit der EU giesst da in gewissem Sinne zusätzlich Öl ins Feuer. Die gute Nachricht ist derweil zweifelsohne, dass trotz Entschleunigung und zweiter Welle der Schlingerkurs der Schweizer Wirtschaft allmählich abnimmt. Wir werden nicht «von der Strasse abkommen», dafür ist der gesunde Branchenmix, die hohe Wettbewerbsfähigkeit und die konsensbasierte Wirtschaftspolitik zu fest verankert.